Diana Deus Werke sind feinsinnig-ironische Bestandsaufnahmen zur Lage der Jugend- und Popkultur des neuen Jahrtausends.
Sie handeln von der gesellschaftspolitischen Relevanz des Pop Gestern und Heute und davon, wie dessen Bedeutungssymbole
und Inhalte über die Vergangenheit hinweg durch Kommerz und der daraus entstandenen Verfälschung zur Inhaltslosigkeit
verkommen sind.
Natürlich sind die Bilder selbst Pop. Sie zeigen Ikonen und Originalschauplätze, aber Deu portraitiert weder Stars, noch ist sie
Nostalgikerin.
Sie bedient sich Stereotypen und Symbolen- einerseits um zu zeigen, wie die Bilder, die einem gemacht wurden den Blick auf das
Authentische verstellen, andererseits um die Vergangenheit mit der Gegenwart kontrastieren zu lassen und ihr somit den Spiegel
vors Gesicht zu halten.

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Wenn der Peter mit der Conny, 2006
60x40cm, Mischtechnik / Collage auf Karton

Amerikanische Jugendliche der Fünfzigerjahre. Sie sind angezogen wie Marlon Brando in The Wild One. Ihr Kleidungsstil ist eine
deutliche Abgrenzung von der Gesellschaft, sogar das Mädchen trägt schwarzes Leder und raucht. Elvis Singles werden im Fernsehen
zerbrochen, Negerrhythmen verursachen Sittenverfall, Eltern haben Angst um ihre Kinder- Rock and Roll ist ein motorradketten-
schwingendes Monster.
Daneben die deutsch- österreichische Kinoversion der Fünfzigerjahre: Peter Kraus und Conny Froboess- eher kindisch als rebellisch
und sogar bewaffnet ungefährlich. "Erlaubt ist, was gefällt" statt "I do what I want!"
Deu spiegelt mit der Harmlosigkeit des lieben Buben Peter Kraus den österreichischen Rezipienten amerikanisch/ britischer Popkultur
der Gegenwart- viel verändert hat sich nichts.
Retro verhält sich zu dem, was es vorgibt wiederaufzuwecken, wie Peter Kraus zum hüftschwingenden Elvis Presley. Während die
Kraussche Interpretation von Rock and Roll als Schlager durch das Harmoniebedürfnis des Wirtschaftswunder- Deutschlands zu
erklären ist, ist Retro schlichtweg falsch- Die Bedeutungssymbole der Gegen- oder Popkultur der Vergangenheit sind durch Kommerz
und dem daraus resultierenden Missverständnis zu Bedeutungslosigkeit verkommen. Somit sind die von Deu portraitierten
Nachtschwärmer entweder Ignoranten oder große Betrogene, im schlimmsten Falle beides.

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Sorry, Miss Stupid, 2007
60x40cm, Mischtechnik / Collage auf Karton

Auf Deus Szenebildern tummelt sich ein besoffenes Panoptikum aus Jugendlichen, deren Hauptaugenmerk darauf gerichtet zu sein
scheint, die in den letzten 40 Jahren zusammengekommene Kleiderkammer der Jugendkultur neu aufzutragen: Retro- Mods,
Retro- Punks, Retro- Post- Punks, Sixties- und Eighties- Fashionistas.
Das von vorhergehenden Generationen Erlebte wird als Ware konsumiert. Die ehedem mit Inhalt besetzten Weltanschauungssymbole
sind im postmodernen Wertvakuum als Modeassecoirs willkürlich kombinierbar geworden- Alles so schön bunt hier!
Über die Inhaltsleere ist mit der in Retro innewohnenden Ironie nur kurzzeitig hinwegzutäuschen- letztendlich wäre man gerne
einer Jugendbewegung zugehörig, ist aber nur Teil einer Konsumentengruppe. Deu portraitiert einen Jugendlichen mit ironisch-
geschmacklosem Künstlerhalstuch und Iron Maiden T- Shirt, daneben zitiert sie den mit dem Comeback der "The- " Rockbands wieder
aktuell gewordenen Lou Reed: "Oh I'm so empty. No surface, no depth. Oh please can I be you, your personality is so great."

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I get violent when I'm fucked up, 2007,
Mischtechnik auf Leinwand, 60 x 80 cm

Dieses Schein statt Inhalt findet Diana Deu auch in der zeitgenössischen Kunst.
Wo im Pop ehemals Revolutionäres zur Ware mutiert ist, ist Kritik in der Kunst zur Technik verkommen- Wenn Kunst kritisch
sein muß, um verkauft werden zur können, wird die Kritik an sich so bedeutungslos wie die hundertste Warhol- Campelldose und
dient dem Künstler, der eigentlich nichts zu sagen hat, als nobles Verkaufsargument. Deu verunklärt Warhol, stellt daneben
08/15 Zitate aus 08/15 Kunstzeitschriften über 08/15 konsumkritische 08/15 Künstler und macht einen hundsordinären Witz
über die heutige Bedeutung der Warholschen Suppendosen.
Als Kind ihrer Zeit weiß Deu letztendlich genausowenig einen Ausweg aus der Misere wie der betrunkene Teenager im
Iron - Maiden T- Shirt. Selbstzerstörung erscheint als letztmöglicher revolutionärer Akt "I get violent when I'm fucked up.
I get silent when I'm drugged up. Want excitement, don't get none, I go wild!"

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Husband Hunters (Serie 2/3), 2007
Mischtechnik auf Papier, 40 x 30 cm

Trotzalledem kritisiert Deu weder mit erhobenem Zeigefinger noch bedient sie sich Holzhammermethoden. Sie macht sich mal leise,
mal unverschämt über die Wirrungen der heutigen Zeit lustig, ohne dabei gehässig zu werden. Wenn sie die Husband Hunters als
Speerspitze des Sex and the City Feminismus portraitiert, demaskiert sich das Dargestellte selbst, ist in seiner ganzen Armseligkeit
wieder zum Lachen.
Um ihre Bilder zu verstehen, bedarf es keines musikgeschichtlichen Geheimwissens- die Bilder sind Pop, oder besser gesagt, 3 Akkord Punk.
Ob man sich über den tieferen Sinn des Dargestellten den Kopf zerbricht, ist einem selbst überlassen. Die Bilder sind unaufdringlich
dennoch rufen sie alle "Der Kaiser ist nackt!"

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Raufende Lackschichten

Diana Deu platziert kritische Herde auf und unter der Bildoberfläche – Ein Mittel der Dekonstruktion und der inhaltlichen Hinterfragung

von Anne Katrin Feßler

Diana Deu will, dass auf ihren Leinwänden noch etwas passiert – im nachhinein. Wenn Lack mit Lack zu raufen beginnt oder auftapeziertes
Papier von der Seite anpöbelt, bricht die Oberfläche auf, entstehen Risse, werden Schichten zu Tage befördert, die vorher unsichtbar und
zugedeckt waren.

Deus Bilder sind nicht fertig. Sie arbeiten weiter. Sie entwickeln sich, ebenso wie ihre Protagonisten: Popkultur-Idole der 1950er und
1960er Jahre, deren spiegelnden Oberflächen sie Kratzer versetzt oder übernächtigte Teens und Twens, die sich Retro-Popkultur als
Fashion-Accessoire überstülpen.

Mit Tusche, Lack und Bleistift, mit Acryl, Filzstift und Aquarell arbeitet Deu an der Vielschichtigkeit dieser Charaktere. Sie rekonstruiert
grafisch, malerisch oder collagierend an den unterschiedlichsten Ebenenen dieser Selbstinzenierungen. Deu fertigt Porträts vo
popkulturellen Ikonen und jenen, die sich an deren Oberflächen orientieren, um dann zu fragen: Wie viel ist davon echt?
Was steckt wirklich dahinter?

Malerei, Zeichnung, Schrift und Collage treffen auf der Leinwand im harmonischen Nebeneinander und in konkurrierender Überlappung
zusammen. Dennoch agieren alle Elemente parallel zur Bildfläche, funktionieren additiv. Eine Annäherung an eine fremde Identität, die
sich spielerisch zusammenfügt. Etwa so wie ein Puzzle von dem man nicht weiß, wieviele Teile es letztendlich besitzt. Dieses
Zusammenstecken ähnelt ein wenig den Identitätsprofilen der Generation web 2.0 – wie etwa in MySpace oder Facebook, wo das soziale
netzwerken ebenso zum Image-Tuning gehört, wie Fotos, Sprüche und Sound-Tapete. Dem Aufpolieren und Zurechtzimmern in parallelen
Schichten, möchte Deu in der Vertikalen, in den Rissen Wahrheiten abringen. Ihr formales Aufbrechen von Oberflächen wirkt im
Inhaltlichen fort: Arbeitet dort subtil und effektiv gegen den schönen Schein.

Deu bleibt bei all dem im Hintergrund – wie im Alltag hält sie sich raus, beobachtet und hört zu. Vor der Leinwand vermengen sich Gesichter
und Geschichten mit Musik, die rund um die Uhr Deus Leben bestimmt. Sie heften sich an Songtexte und andere Zitate, die als Initial in die
Titel – ihrer Bilder übergehen: „Sorry, Miss Stupid“ oder „I get violent when I’m fucked up“ (beide 2007). Die Annäherung an die fremden
Gestalten, das Kratzen an deren ‚Dahinter’ war Deu aber irgendwann zu weit weg von ihr selbst. Über Bilder von ihren Freunden –
Momentaufnahmen aus musikbestimmten, nächtlichen Streifzügen – näherte sie sich mehr und mehr dem Eigenen an. Bis nun in ihren
jüngsten Bildern sie selbst zur Mitspielerin und auch Protagonistin ihrer Leinwandgeschichten wird.

Die distanzierte Beobachterin ist sie dabei aber geblieben. Nach wie vor setzt sie die Elemente – Motive aus Pop und Punk, aus geborgten
Inszenierungen und Biografischem – impulsiv und spielerisch nebeneinander. Deu setzt die Schichten übereinander und weiß zwar wo etwas
aufreißen wird, die Effekte sind aber auch für sie überraschend. Diese kontrollierte Unberechenbarkeit ihrer Technik trickst also auch Deu
selbst aus und spuckt ihr Ebene für Ebene, Schicht für Schicht verschüttete und ignorierte Identitätsbrocken vor die Füße: Zur Überprüfung
der eigenen Authentizität, zur Selbstbefragung.

I get along“ heißt eine dieser privateren Bilder, die sie nun auch mit eigenen Lyrics füttert. Ich komm schon klar, richtet sie aus, um für das,
mit dem klar zu kommen ist, in Bild und Text ein Rezept zu offenbaren: „
You’re better off just having a laughgetting pissedand
forgetting all about it“. Doch die pinkfarbenen Sprühlack-Lettern verschwimmen im gleichfarbigen Blümchendelirium. Zorniger und auch
im Format wuchtiger hingegen „And you have killed me“. Dessen Motto breitet sich auf der Leinwand aus und konterkariert gemeinsam mit
der von Gipsbinden gerahmten Mittelfinger-Gebärde das idyllische Bild von Zweisamkeit.

Deu hinterfragt auch ihr künstlerisches Selbstverständnis, ihre Identität als Künstlerin: „I am not an artist“ so die spontane und wütende
gesprayte Geste, deren Kritik in Richtung Kunstmarkt zielt.